Tierversuche in Deutschland – wie sieht die Zukunft aus? Kann man sie einfach so abschaffen?

Anlässlich des internationalen Tags zur Abschaffung von Tierversuchen am 24. April, haben wir uns auch mal eingehender mit dem Thema beschäftigt.

Was sind Tierversuche überhaupt und seit wann gibt es sie?

Zunächst einmal muss man leider sagen, dass Tierversuche eine jahrhundertelange Tradition haben, was vermutlich auch ein Grund ist, warum deren Abschaffung genauso langsam und zäh voran geht wie die der Massentierhaltung. Es handelt sich um eingefahrene Systeme, an denen viel Geld hängt. Die ersten Tierversuche haben schon Jahrhunderte vor Christi stattgefunden, aus so simplen Gründen wie Neugier und Wissensdurst. Das Experimentieren an bzw. Aufschneiden von (toten) Tieren war eine unkomplizierte Methode, um mehr über den Aufbau von Lebewesen zu lernen, denn im Gegensatz zur Leichenöffnung bei Menschen -die aus religiösen Gründen als striktes Tabu galt-, hatte man hier nicht mit Konsequenzen zu rechnen. Es ergab sich außerdem der Wunsch, das Erlernte auf den Menschen zu übertragen und so in der antiken Medizin voran zu kommen.

An dieser Stelle sei betont, dass der heute als „Vater der modernen Medizin“ geltende Gelehrte Hippocrates (Vgl. Hippokratischer Eid) gänzlich ohne Tierversuche auskam und die klinische Forschung am Menschen begründete.

In der heutigen Zeit wird alles als Tierversuch definiert, was das „wissenschaftliche Experiment[ieren] an oder mit lebenden Tieren“ [Duden] beinhaltet. Im §7 des Tierschutzgesetzes wird weiter ausgeführt, dass es sich dabei um Eingriffe oder Behandlungen zu Versuchszwecken, zu Fort-, Weiter- und Ausbildung sowie zur Herstellung von Stoffen/Produkten handelt. Außerdem zählen auch Entnahmen von Organen oder Geweben zum Zwecke der Transplantation, Kultur oder Untersuchung dazu. [1]

Das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft gibt jedes Jahr die aktuellsten Zahlen zu Tierversuchen in Deutschland bekannt. 2018 wurden insgesamt 2.138.714, also über 2 Millionen, Tiere zu wissenschaftlichen Zwecken verwendet oder getötet. Diese Zahlen halten sich seit ein paar Jahren ziemlich konstant. Die dabei mit Abstand am meisten verwendeten Tiere sind Mäuse (1,54 Mio.), was vermutlich allgemein bekannt ist. Was viele jedoch nicht wissen oder vielleicht erst durch den LPT-Labor Skandal in Hamburg Anfang des Jahres realisiert haben, ist, dass auch in Deutschland noch Primaten (3.288), Hunde (3.979) und Katzen (765) für Tierversuche genutzt werden. [2]


Doch wozu werden Tiere überhaupt in den Versuchen eingesetzt und warum?

In den allermeisten Fällen (44%), wird Grundlagenforschung betrieben. Das bedeutet, dass die Versuche dem reinen Wissensgewinn dienen und keinen unmittelbaren Nutzen für die praktische Anwendung in der Humanmedizin haben. Man spricht hier auch von „zweckfrei“. [Duden] Der nächstgrößere Bereich ist der der Herstellung und Qualitätskontrolle von medizinischen Produkten (23%), gefolgt von der translationalen und angewandten Forschung (15%), also jenem Feld, welches sich mit der Erforschung von Erkrankungen beschäftigt. Die restlichen 18% verteilen sich auf die Erhaltung von genetisch veränderten Tieren, der Ausbildung bzw. Schulung in Berufen, dem Umweltschutz und der Arterhaltung. [2]

Abbildung 3: In Tierversuchen nach § 7 Absatz 2 des Tierschutzgesetzes verwendete Tiere nach Versuchszweck (c) BMEL

Egal in welchem Bereich Tiere eingesetzt werden, wir sind dagegen. Besonders interessant finden wir jedoch den Bereich zur Herstellung und Qualitätskontrolle von Arzneimitteln. Zu Letzterem zählt vor allem auch die toxikologische Prüfung, also der Test, ob ein Medikament schädlich für den Organismus ist. Obwohl im Arzneimittelgesetz nicht explizit ausformuliert, wird vorgeschrieben, dass Arzneimittel getestet werden müssen, bevor man sie zur Anwendung am Menschen zulässt. [3] Der Hintergrund für die vorherige Testung am Tier, ist der Schutz des Menschen. Nachdem im zweiten Weltkrieg durch die Nazis unzumutbare Versuche an Menschen durchgeführt wurden, erschien der Nürnberger Kodex 1947 und später die Basis der heutigen Forschung am Menschen: die Deklaration von Helsinki (1964). Hier werden ethische Grundsätze festgelegt, die besagen, dass Versuche am Menschen erst zulässig sind, wenn alle Risiken durch andere wissenschaftliche Methoden möglichst minimiert wurden. [4] Das Arzneimittelgesetz sagt in §26 dazu, dass „Tierversuche durch andere Prüfverfahren zu ersetzen [sind], wenn dies nach dem Stand der wissenschaftlichen Erkenntnisse im Hinblick auf den Prüfungszweck vertretbar ist.“ [3] Zusammengefasst tritt hier wieder einmal der Grundsatz in Kraft, dass der Mensch mehr wert ist, als alle anderen Lebewesen auf dem Planeten und dass es darum ethisch vertretbar ist, Tiere zu opfern, um Menschen nicht zu gefährden.

Erst nachdem neue Kandidaten für Arzneimittel sich in Tierversuchen, der sogenannten „präklinischen Forschung“, als unbedenklich für den Organismus herausgestellt haben, ist die Testung am Menschen erlaubt. Diese Kandidaten gehen dann in die Phase der „klinischen Forschung“ über. Der allergrößte Unterschied in der Forschung an Mensch und Tier ist übrigens der, dass ein Mensch, der an einer wissenschaftlichen Studie oder einem Experiment teilnimmt, sich dazu ausdrücklich und schriftlich bereit erklären muss. Bei Studien an Minderjährigen müssen außerdem auch beide Elternteile zustimmen. Zusätzlich hat der Mensch als Proband jederzeit und ohne Ausnahme das Recht die Studie sofort abzubrechen, ohne dabei verpflichtet zu sein einen Grund anzugeben. Ganz nach dem Motto: mein Körper, mein Wille. Tiere haben dieses Privileg nicht. Sie werden rein zu unserem Zweck in der Forschung gezeugt, geboren und genutzt.

Tierversuche für die Herstellung von Waffen und Munition sind übrigens verboten. In der Kosmetik-, Waschmittel- und Tabakindustrie sind sie grundsätzlich auch verboten, Ausnahmen sind jedoch möglich sobald sie vom Bundesministerium als erforderlich erachtet werden. (§7a TierSchG, [1])


Zu guter Letzt nun die absolut wichtigste Frage: wie kann man Tierversuche ersetzen?

Mit der Einführung des 3R-Prinzips 1959 durch britische Wissenschaftler, welches 2010 in Form einer Richtlinie auch in europäisches Recht umgewandelt wurde, will man die Qualen und Zahlen der Versuchstiere verringern. Dabei wird die Notwendigkeit der Durchführung eines Tierversuchs durch drei Faktoren in Frage gestellt: Replacement – Kann man den Tierversuch durch eine andere Methode ersetzen? Reduction – Kann man die Zahl der Tiere im Versuch verringern? Refinement – Kann man die Versuche verändern, um die Belastung der Tiere zu minimieren? [5] Wie vorhin jedoch schon erwähnt, bleiben die Versuchstierzahlen in den letzten Jahren konstant, obwohl es dieses Prinzip gibt. Die Strategie scheint also nicht ganz aufzugehen.

Auch das Tierschutzgesetz betont in §1, dass „niemand … einem Tier ohne vernünftigen Grund Schmerzen, Leiden oder Schäden zufügen [darf]“ und in §7 führt es aus, dass Schmerz und Leid sowie die Anzahl der verwendeten Tiere auf ein unerlässliches Maß zu beschränken sind. [1] Aus Sicht eines Tierrechtlers ist jedoch klar, dass kein einziger Grund „vernünftig“ genug ist, um Tiere gegen ihren Willen zu züchten, festzuhalten und an ihnen zu experimentieren.

Doch auch aus Sicht eines Wissenschaftlers und insbesondere Arzneimittelentwicklers sind Tierversuche unsinnig, denn es sollte nicht unerwähnt bleiben, dass die Übertragbarkeit von Versuchsergebnissen von Tier auf Mensch in 92% der Fälle nicht gegeben ist! Das bedeutet, dass in ca. 9 von 10 Fällen die an Tieren getesteten neuen Wirkstoffe niemals zur Anwendung im Menschen zugelassen werden. [6] Dabei wird auch gerne darauf verwiesen, dass der Mensch eben keine 70 kg schwere Ratte sei. Die „Tiermodelle“ werden außerdem künstlich im Labor erzeugt und können daher maximal krankheitsähnlich aussehen, niemals aber den komplexen Entstehungsmechanismus einer Krankheit abbilden. In der Alzheimer-Forschung beispielsweise sind die Entwicklungen von 37, im Tierversuch erfolgreicher Wirkstoffe, 25 wegen mangelnder Wirkung oder unerwünschter Nebenwirkung direkt wieder eingestellt worden. 7 haben es geschafft im Menschen weiter getestet zu werden, keines davon ist jedoch derzeit zugelassen. [7]

Die Übertragbarkeit von Tierversuchen auf den Menschen (c) PETA

Was lässt uns also an Tierversuchen festhalten? Wie so oft, ist es wohl das liebe Geld!?Tierversuche sind derzeit billig. Sie sind seit Jahrzehnten in der Anwendung und wir kennen uns damit aus. Neue, alternative Methoden zu entwickeln und zu etablieren, um sie auch gesetzlich zu integrieren, kostet Geld und viel Mühe. Jedoch sind diese langfristig wahrscheinlich effizienter – also schneller und günstiger.

Es gibt mittlerweile Methoden wie Zellkulturen, Simulationen am Computer oder sogenannte Multi-Organ-Chips, die komplett ohne den Einsatz von Tieren auskommen. Nicht zu vergessen ist auch der mögliche Einsatz von klinischer Forschung am Menschen, die durch bildgebende, nicht-invasive Verfahren, oder sogenanntes „Microdosing“ sehr unwahrscheinlich Schaden am Menschen anrichten würden. [8, 9]

Die Erforschung von Alternativmethoden wird zwar unterstützt, z.B. fördert die Bundesregierung tierversuchsfreie Forschung mit ca. 4 Mio. Euro jährlich und das BMEL verleiht jährlich einen Preis für Tierschutzforschung. Auch das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) unterstützt Alternativmethoden-Projekte, ebenso wie die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG). [8] Allerdings kommt einem das Ganze noch etwas winzig vor, wenn man bedenkt, dass jährlich mehrere Milliarden in Forschung mit Tierversuchen investiert wird.

Wir stecken wie bei so vielem also noch in den Kinderschuhen und der Ersatz von Tierversuchen wird vermutlich genauso langsam voran schreiten wie die Evolution des aufrechten Gangs. Der erste Schritt, der in naher Zukunft vielleicht realisierbar wäre, ist nicht der Ersatz, sondern vielmehr die Ergänzung von Tierversuchen durch alternative Methoden, um zumindest die Zahl und die Belastung der Tiere zu verringern.

Wünschenswert wäre ein wissenschaftlich fundierter und politisch durchdachter Plan zur stufenweisen Abschaffung von Tierversuchen. Dieser sollte konkrete Ziele und Meilensteine enthalten zu wann welche Maßnahmen ersetzt worden sein sollen. Ein wundervolles Beispiel kommt hier aus den Niederlanden. Als einziges europäisches Land haben diese 2016 ein Strategiepaper veröffentlicht, indem Sie unter anderem bis 2025 die völlige Abschaffung von Tierversuchen für toxikologische Prüfungen in der Arzneimittelentwicklung anstreben. [10] In ähnlicher Weise ziehen auch die USA 2019 nach und wollen die Giftigkeitstest an Säugetieren bis 2035 abgeschafft haben. Gleichzeitig plant die amerikanische Umweltschutzbehörde (Environmental Protection Agency, EPA) in Zukunft weniger Tierversuchsprojekte zu fördern und stattdessen alternative Methoden zu finanzieren. [11]

Dass Deutschland nun endlich nachzieht fordern zum Beispiel die Ärzte und Wissenschaftler des Vereins „Ärzte gegen Tierversuche e.V.“ in Ihrer Kampagne „Ausstieg aus dem Tierversuch“. Eine entsprechende Petition dazu gibt es auf der Kampagnenseite ebenso. [12]


Quellen:

[1] Tierschutzgesetz https://www.gesetze-im-internet.de/tierschg/BJNR012770972.html (25.04.2020)

[2] BMEL https://www.bmel.de/DE/Tier/Tierschutz/_texte/Versuchstierzahlen2018.html#doc13382404bodyText1 (25.04.2020)

[3] Arzneimittelgesetz https://www.gesetze-im-internet.de/amg_1976/ (25.04.2020)

[4] Deklaration von Helsinki (deutsche Fassung) https://www.bundesaerztekammer.de/fileadmin/user_upload/downloads/pdf-Ordner/International/Deklaration_von_Helsinki_2013_20190905.pdf (25.04.2020)

[5] DFG – 3R-Prinzip https://www.dfg.de/download/pdf/dfg_im_profil/geschaeftsstelle/publikationen/handreichung_sk_tierversuche.pdf (25.04.2020)

[6] Tierversuche verstehen – Übertragbarkeit www.tierversuche-verstehen.de/faktencheck-92-prozent-der-tierversuche-sind-nicht-uebertragbar/ (25.04.2020)

[7] Ärzte gegen Tierversuche e.V. https://www.aerzte-gegen-tierversuche.de/de/infos/wissenschaftliche-studien/1601-alzheimer-tierversuche-versagen-auf-ganzer-linie (25.04.2020)

[8] Tierversuche verstehen – Alternativmethoden https://www.tierversuche-verstehen.de/alternativmethoden/ (25.04.2020)

[9] PETA – Alternativmethoden https://www.peta.de/tierversuchsalternativmethoden (25.04.2020)

[10] Niederlande – Startegiepaper zu Forschung ohne Tierversuche https://www.ncadierproevenbeleid.nl/documenten/rapport/2016/12/15/ncad-opinion-transition-to-non-animal-research (25.04.2020)

[11] USA – Abschaffung Giftigkeitstests an Tieren https://www.epa.gov/sites/production/files/2019-09/image2019-09-09-231249.txt (25.04.2020)

[12] Kampagne „Ausstieg aus dem Tierversuch“ des Ärzte gegen Tierversuche e.V. https://www.ausstieg-aus-dem-tierversuch.de/ (25.04.2020)

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