
Passend zum Juli mit 25 Grad Außentemperatur wollen wir euch eine kleine Geschichte zum Weihnachtsmarkt erzählen. 😛 (eine passendere Aufmachung für das Thema fiel mir leider gerade nicht ein)
Vielleicht hat es der ein oder andere Leipziger ja schon mitbekommen und zwischen den vielen Corona-News lesen können: es wird spätestens ab 2022 keine lebenden Schafe in der Krippe unter dem Weihnachtsbaum auf dem Leipziger Weihnachtsmarkt mehr geben. Warum das gerade jetzt und vor allem im Juli relevant ist? Und ob wir nichts Besseres zu tun haben? Und ob wir nicht auch an die armen Kinder denken, denen wir das Highlight jetzt „stehlen“? Das wurden wir in den sozialen Netzwerken in letzter Zeit öfter gefragt. Deswegen hier einmal die ganze Story – natürlich aus unserer Sicht.
Alles begann an einem Dienstagabend im November 2019 im „Noch besser Leben“ an der Ecke Merseburger/Karl-Heine-Straße. Beim einem Glas Wein schnatterte ich mit einer Freundin über die kommende Weihnachtszeit und Pläne für Geschenke, Essen und Co. Dabei kamen wir natürlich auch unvermeidbar auf das Thema Weihnachtsmarkt und welche denn am schönsten wären. Wir einigten uns darauf, dass die kleineren Märkte wie zum Beispiel der am Felsenkeller oder am Connewitz Kreuz viel angenehmer sind als der große Markt in der Innenstadt, speziell am Wochenende. Dort könne man ja mittlerweile keinen Meter mehr in Ruhe laufen und ständig wird man von allen Seiten mit Musik beschallt. Am schlimmsten ist aber, dass irgendwer auf die Idee kommt, dort lebende Tiere unter den Tannenbaum zu stellen, die sich das Spektakel 4 Wochen lang ungefragt antun müssen. Ekelhaft. Eigentlich müsste man da doch mal was machen?! ….Moooooooment, ich bin doch in einem Tierrechtsverein!!! Nicht MAN müsste da was machen. ICH. WIR. JETZT.
Gesagt, getan. Die Vereinsmitglieder wurden befragt und waren – nicht überraschend – einstimmig dafür, dass das Thema angegangen werden sollte. Aber wie? Protestaktion? Petition? Offener Brief? Wir entschieden uns für alles. In umgekehrter Reihenfolge und immer abhängig vom Erfolg des jeweils Vorherigen. Im Klartext: bevor wir der Stadt eine Petition um die Ohren hauen oder mit einer Protestaktion ärgern, gehen wir doch den einfachsten und schönsten Weg: wir fragen mal freundlich nach und reden miteinander. Also erstmal ein Brief:
Die Antwort kam schnell und überraschend ausführlich. Zusammenfassend wurde gesagt, dass es seit 20 Jahren so läuft, die Schafe für die Kinder schön sind, das Veterinäramt jederzeit kontrollieren kann und Schilder angebracht wären, dass die Tiere nicht zu füttern sind. Mmh. Nicht wirklich überzeugend. „Haben wir immer so gemacht“ hat für uns eher so die Argumentationskraft von Mutti früher wenn sie keine Nerven mehr zum Diskutieren hatte und „weil ich das sage“ dann eben als Schlusswort reichen muss.
Parallel haben wir übrigens auch mehrere Tierärzte (unter anderem auch die Amtstierärztin) kontaktiert, um abzuschätzen ob es sich um eine Grundsatzdiskussion (Müssen Tiere im Jahr 2020 noch für unser Vergnügen her halten?) oder auch um ein Tierschutzproblem handelt (4 Tiere eingepfercht über mehrere Wochen inmitten von Menschenmassen, Lärm und Lebensmittelabfällen kommt uns doch verdächtig wenig artgerecht vor).
Nun gut, also auf zum zweiten Eskalationsschritt: Petition.
Am 12.12.2019 ging die Petition live und wir haben bei diversen Veranstaltungen (z.B. veganer Weihnachtsmarkt auf der Feinkost) auch per Papier Unterschriften gesammelt. Die überwiegende Reaktion auf die Petition war positiv und oftmals auch empört nach dem Motto „Es gibt LEBENDE Schafe dort?!“. Innerhalb von 10 Tagen hatten wir über 600 Unterschriften, bis zum Ende der Petition im Februar waren es 766, die meisten davon aus Sachsen (60%) und natürlich Leipzig (45%). Das Thema war den Leuten also nicht völlig egal.

Als Vorbereitung auf die Einreichung der Petition haben wir (auf Anraten eines Bekannten, der selber politisch tätig ist) die Fraktionen des Stadtrats kontaktiert und um Unterstützung gebeten. Das hat, wiederum wenig überraschend, die Fraktion der Grünen auf den Plan gerufen und wir wurden zu einem Gespräch eingeladen, um unseren Standpunkt zu erklären. An dieser Stelle auch nochmal ein herzliches Dankeschön an die Stadtratfraktion der Grünen für die Unterstützung! Im Februar haben wir also mit Ankündigung die Petition eingereicht. Nun hieß es warten. Der Petitionsausschuss tagt nur alle paar Wochen.
In mehreren Sitzungen im März, Mai und Juni wurde sich wieder und wieder mit den Schafen beschäftigt. Auch an dieser Stelle an Dank an den Ausschuss, der das Anliegen so Ernst nahm. Dabei kamen sowohl die Stadt und das Marktamt als auch der Schäfer und der Tierschutzbeirat zu Wort. Der Verwaltungsstandpunkt der Stadt hat im Endeffekt genau das wiedergespiegelt, was man uns auch schon auf unseren Brief geantwortet hatte: die Kinder finden es schön und es ist Tradition. Der Tierschutzbeirat kam zu dem Schluss, dass Schafe sehr robust sind und keine Verstöße gegen das Tierschutzgesetz vorlägen. Der Schäfer führte aus, dass er die Tiere schon Wochen vor dem Weihnachtsmarkt durch separate Haltung und anderes Futter (z.B. Brötchen) auf ihren Einsatz vorbereitete. Kurzum: es handele sich ausschließlich um eine ethische Diskussion, nicht um eine tierschutzrechtliche.
Fine. Akzeptieren wir so. Wir sind keine Tierärzte. ABER wir sind Tierrechtler und den Argumenten der Stadt haben wir folgendes entgegenzusetzen: es ist für uns unakzeptabel leuchtende Kinderaugen vorzuschieben, wenn man diese auch mit einer kurzen Auto- oder Bahnfahrt aufs Land herbei führen könnte. Und das öfter als nur 4 Wochen im Jahr. Dass es keine Verstöße gegen das Tierschutzgesetz gibt, ist jetzt auch nicht unbedingt beruhigend, wenn man sich in Erinnerung ruft, was das Tierschutzgesetz so in puncto „Nutztier“-Haltung zulässt. Und dass die Tiere durch die Vorbereitung auf den Weihnachtsmarkt in Summe sogar noch länger als 4 Wochen auf engem Raum zusammen sind und mit nicht-artgerechtem Futter versorgt werden, verstärkt unseren Wunsch nach deren Freilassung nur noch.
Der Petitionsausschuss hat am Ende vieler Diskussionen abgestimmt,mit welcher Empfehlung sie die Petition in den Stadtrat weitergeben würde. 4 Stimmen waren für die Ablehnung, 3 für die Zustimmung und mehrere Stimmen haben sich enthalten. Ernüchternd. Obwohl wir mit derartigem Interesse der Öffentlichkeit und der politischen Vertreter kaum gerechnet hatten, stirbt die Hoffnung ja bekanntlich zuletzt. Die Entscheidung des Petitionsausschuss hat uns aber schon sehr traurig gestimmt.
Doch wir sollten überrascht werden! 🙂
Am 08. Juli wurde in der Ratsversammlung des Stadtrats in der Kongresshalle am Zoo (wie ironisch) über die Befreiung der Schafe diskutiert werden. Aufgrund der Corona Beschränkungen haben wir uns das Ganze lieber im Live Stream angesehen. An diesem Tag gab es vermutlich kein anderes so heiß diskutiertes Thema im Stadtrat wie die Schafe auf dem Weihnachtsmarkt. Denn es ging hier tatsächlich um Grundsätze jeglicher Art. Aber von vorn.
Nachdem der Petitionsausschuss ablehnend abgestimmt hatte, wurden zwei Änderungsanträge beim Stadtrat eingereicht: zum einen von den Linken, die die Schafe sofort vom Markt verbannen wollten und zum anderen von den Grünen, die zur Neukonzeptionierung des Leipziger Weihnachtsmarkts zum Jahr 2022 ALLE lebenden Tiere verbieten wollten. Dies führte zu teilweise wirklich absurden Reaktionen und Diskussionen. Zunächst stellten die Grünen ihren Antrag vor, dann die Linken. Hier wurde darauf gepocht, dass es eben nicht mehr zeitgemäß ist für unser Vergnügen lebende Tiere dem Volksfest auszusetzen, auch wenn diese es vielleicht ertragen können – die Frage ist ob sie es für uns denn wirklich müssen. Ein persönliches Highlight war für mich die Darlegung einer CDU-Abgeordneten, die einen Ausflug in die christliche Geschichte wagte und ihre Sorge um den Geist von Weihnachten zum Ausdruck brachte. Wenn denn nun auch noch die letzte Attraktion, die für Kinder auf dem Weihnachtsmarkt UMSONST sei (Obacht! Augen auf bei der Wortwahl, das gesucht Wort war hier wohl „kostenlos“ ;-P), verboten werden würde, wer wüsste denn da noch so genau worum es zu Weihnachten eigentlich geht?! Die SPD hielt sich weitestgehend an die Aussagen des Tierschutzbeirats – es ginge den Tieren nicht schlecht also könnten sie ja auch bleiben. Wundervoll neutral. Die AfD kam auch zu Wort, die Details sparen wir uns. Der Vertreter der Freibeuter brachte zum Schluss noch einen interessanten Schwank Richtung Flüchtlingskrise und schaffte es Parallelen zwischen Maria, der Mutter von Jesus, die ein uneheliches Kind in sich trug und nach Unterschlupf suchte, und den derzeit Asylsuchenden zu ziehen, entschied sich aber trotzdem gegen die Verbannung der Schafe. In der Zwischenzeit hatten sich Grüne und Linke verständigt und den Änderungsantrag der Grünen so geändert, dass es nicht erst 2022 sondern *frühestmöglich* zum Verbot kommen sollte, womit die Linken ihren eigenen Antrag zurück nahmen.
Nachdem dann jeder zu Wort kam und es noch einen kleinen Aufreger gab, da jemand von der CDU den Stadtrat als „Affenstall“ bezeichnete und dafür dann ein Ordnungsruf gefordert wurde, rief der Bürgermeister (der eher gelangweilt und unzufrieden mit der Diskussion wirkte) zur Abstimmung auf. Der spannendste Moment dauerte gefühlt 10 Minuten, doch das abschließende Urteil war es für uns wert: mit 31 zu 28 Stimmen (und 3 Enthaltungen) beschloss der Stadtrat die Abschaffung aller lebender Tiere vom Weihnachtsmarkt spätestens zu 2022!!!! ERFOLG!
Ihr könnt euch vermutlich vorstellen, wie erleichtert und glücklich wir waren und sind. Es ist ein sehr schönes Gefühl mit auch noch so kleinen Aktionen etwas größeres erreichen zu können. Wir hoffen nun, dass das Verbot auch für die zahlreichen Hunde gilt, die jedes Jahr mit auf den Weihnachtsmarkt genommen werden und dass die Kinder, die bisher nur auf dem Weihnachtsmarkt Schafe sehen durften, vielleicht in diesem oder nächstem Jahr mal einen Ausflug ins Umland auf die Weiden oder Bauernhöfe machen dürfen! 🙂
In diesem Sinne: Danke an alle Unterstützer! Und nehmt es nicht zu schwer an alle Gegner. Es kommt sicher bald die nächste Möglichkeit, bei der wir eure Stimme brauchen (oder bei der ihr gegen uns sein könnt)! Bis dahin bleibt gesund!
So viele Tiere sind immer noch nicht frei, deswegen bleiben wir weiter dabei! (auch noch gereimt zum Schluss, heute ist was los)









